Harald (geb. 1965)
Wie sich die Zeiten doch ändern ...
Harald, geboren im Jahr 1965
Harald wurde am 16.10.1965 um Mitternacht als drittes von vier Kindern seiner Eltern in Bremerhaven geboren. Kurz nach der Geburt kam es zu einer verstärkten Würgeneigung und Harald spuckte schaumigen Schleim aus. Bei einer Sondierung der Speiseröhre bestand ein Stopp in 12 cm Abstand und der Schlauch ließ sich nicht mehr weiterschieben – ein klarer Hinweis auf eine Ösophagusatresie, eine Fehlbildung der Speiseröhre. Das Röntgenbild mit Kontrastmittel bestätigte erwartungsgemäß die Diagnose.
Baby Harald wurde mit Blaulicht von Bremerhaven in die Kinderchirurgie nach Bremen zu Professor Dr. Fritz Rehbein verlegt – ein Glücksfall! Er war damals eine der wenigen Koryphäen in (West)-Deutschland im Bereich der Kinderchirurgie. Haralds Mutter musste in Bremerhaven im Krankenhaus alleine zurückbleiben. Bei Harald wurde eine Ösophagusatresie mit Trachealfistel (Typ III b nach Vogt) diagnostiziert, d. h. er hatte von dem unteren Ösophagussack zudem noch eine Verbindung zur Luftröhre! Damit war auf-grund der drohenden Aspiration von Magensaft in die Lunge die Situation kritisch!
Operiert wurde damals noch mit einer Eröffnung des Brustkorbes rechts. Die Operation gelang – und das im Jahr 1965! Erst wenige Jahre zuvor (1957) wurde in Deutschland zum ersten Mal mit Erfolg eine Ösophagusatresie operativ versorgt – und bei Harald dann Gott sei Dank – in Bremen in der Klinik von Professor Dr. Fritz Rehbein.
Dennoch waren damals die Operationsbedingungen alles andere als gut: Es war eine Situation, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann! Die Narkose wurde als Äther-Tropfnarkose durchgeführt. Harald wurde in Intubationsnarkose operiert. Postoperatives Erbrechen war bei der Äther-Tropfnarkose vorprogrammiert. Seine Eltern wussten nicht, ob es Überlebenschancen für Harald gab bzw. wie die Überlebenschancen ihres drittgeborenen Kindes überhaupt waren. Das Monitoring (Überwachungsgeräte während Operation und intensiv-medizinischer Behandlung) bestand 1965 aus einem Stethoskop und einem Fieberthermometer – Blutdruckmessgeräte in der für Neugeborene angepassten Größe gab‘s damals noch nicht …
Heute dazu ein Kontrastprogramm: EKG, Sauerstoffsättigungsmessung, Messung des endexspiratorischen Kohlendioxids, Blutdruckmessung über Automaten oder über eine Kanüle direkt kontinuierlich in einer Schlagader, Einführung des Tubus erst nach vorheriger bronchoskopischer Abklärung der Luftröhre, um die Lage der Fistel in den Magen zu sehen.
Allein die Aufzählung der Überwachungsgeräte heute zeigt die bahnbrechende Entwicklung der Medizin in diesem Bereich an. Aber Harald überlebte.
Harald wurde nach der Operation einige Wochen intensiv versorgt und am 9.12.1965 nach Hause entlassen. Über Weihnachten und Neujahr war er zu Hause, aber dann kam es zu Schluckstörungen, Zyanose-Attacken (Blauverfärbung) bei Hustenanfällen – ein Grund, ihn rasch notfallmäßig Anfang Februar 1966 wieder in die Kinderklinik nach Bremen zu verlegen. Dort blieb er über 180 Tage (!!) ohne mütterliche oder väterliche Betreuung: Ein privates Auto hatte die Familie damals in der Nachkriegszeit noch nicht. Seine Eltern wohnten ca. 100 Kilometer von der Kinderklinik entfernt. Die Eltern hatten noch zwei weitere Kinder zu Hause, die betreut werden mussten, sodass Harald auf Station im Krankenhaus alleine war; heute undenkbar: „Rooming in“ für die Mutter bzw. den Vater wird heute selbstverständlich angeboten!
Man untersuchte in der Klinik dann das Baby auf eine Störung der Luftröhrenfunktion (Tracheomalazie), es kam zu mehreren Wiederbelebungssituationen! Die Erstickungsanfälle blieben auch 1967 auf der Tagesordnung, auch hier wurde nochmals auf eine Veränderung der Luftröhre (Verdacht auf Tracheomalazie) untersucht. Häufig kam es zu Steckenbleibern (Nahrung blieb in der Speiseröhre stecken), die damals in Äther-Tropfnarkose wieder entfernt wurden. Die Dehnungsversuche der Speiseröhre mit Bougies wurden damals ohne Narkose durchgeführt.
Geblieben ist u. a. eine Stimmbandlähmung links. Ob diese Stimmbandlähmung Folge der Erstoperation ist oder durch die wiederholten Intubationen und Bougierungsbehandlungen verursacht wurde, wird sich im Nachhinein nicht klären lassen. Tatsache ist, dass Harald in seinen ersten 3 Lebensmonaten keine Laute von sich geben, also nicht schreien konnte. Harald behielt einen schweren Schulterschaden rechts aufgrund der Lagerung bei der Erstoperation in Seitenlage mit Nerven- und Muskelschäden, was sich heute noch besonders in immer wiederkehrenden, teilweise starken Schmerzen und Schmerzattacken im hinteren Schulterblattbereich zeigt.
Außerdem hat er seit der Geburt eine leichte Wirbelsäulenverkrümmung, wie man dies als Folge der offenen Operation in Linksseitenlage auch heute noch sehen kann. Des Weiteren begleiten ihn bis heute einige Folgen der Operation nach der Geburt wie z. B. die Tracheomalazie, eine Refluxkrankheit, eine chronische Bronchitis, und daraus resultierende schnellere Erschöpfungszustände in stärkeren Belastungssituationen.
Aber dennoch: Harald hat überlebt! Und das unter Bedingungen, wie man sie heute wahrscheinlich nicht einmal in Kliniken in Entwicklungsländern mehr vorfindet. Er hat auch keinen schweren psychischen Schaden davongetragen, obwohl er als Säugling 180 Tage getrennt von Mutter und Vater im Krankenhaus lag.
Er hat sein Leben selbst in die Hand genommen: Eine bereits geplante Ausbildung in einem Berufsbildungswerk für behinderte Menschen lehnte er ab und besuchte nach dem Realschulabschluss zuerst die Einjährige Höhere Handelsschule und machte danach eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Er wechselte von der Spedition zu einem Schiffsmakler. Danach machte er eine Zusatzausbildung im allgemeinen Versicherungsbereich und ist heute nach einer Weiterbildung zum Fachkaufmann für Marketing in einer gehobenen Position als Mitarbeiter in einer renommierten Krankenkasse tätig.
Hut ab! Und ein großes Dankeschön an die Eltern! Und auch an die Geschwister, die im Falle von Notsituationen (Steckenbleiber, Zyanose-Attacken) ihm immer wieder zur Seite standen und geholfen haben – und die hoffentlich nicht darunter gelitten haben, dass dem Bruder immer die größere Aufmerksamkeit und Sorge in der Familie zuteil wurde …
Harald ist mittlerweile seit vielen Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne im Alter von 36 und 32 Jahren.
Für die ERIKA REINHARDT-Stiftung ist diese dramatische Krankheitsgeschichte ein Grund, weiterhin alles zu tun, um die Versorgung der Kinder weiterhin auf hohem Niveau zu unterstützen und zu gewährleisten. Damit die Kinder auch so einen guten Weg im Leben finden wie Harald!
Harald, trotz allen Widrigkeiten, ein fröhliches Kind.
Harald als Teenager
Mittlerweile ist Harald 60 Jahre alt und blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück.